Legal Tech · KI · Kanzleiorganisation · Kanzlei-Check
KI in der Kanzlei: Warum Kontrolle wichtiger ist als Tempo

KI unterstützt. Die Verantwortung bleibt.
Ein aktueller Fall vor dem KG Berlin zeigt, worüber Kanzleien beim Einsatz von künstlicher Intelligenz sprechen sollten.
Nicht über die Frage, ob KI grundsätzlich hilfreich ist. Sondern über die Frage, wie KI-Ergebnisse geprüft, dokumentiert und sicher in Kanzleiprozesse eingebunden werden.
Denn KI kann den Kanzleialltag entlasten. Sie kann Texte vorbereiten, Inhalte zusammenfassen, Akten schneller erschließen und bei der Recherche unterstützen. Gleichzeitig bleibt die anwaltliche Verantwortung dort, wo sie immer lag: bei der Kanzlei.
Wichtig für Ihre Kanzlei
- KI ist ein Werkzeug: Sie ersetzt keine anwaltliche Prüfung.
- Fundstellen müssen kontrolliert werden: Besonders bei Urteilen, Aktenzeichen und rechtlichen Zitaten.
- Sichere Nutzung braucht Prozesse: Zuständigkeiten, Dokumentation und klare Regeln sind entscheidend.
Was ist passiert?
Die Bundesrechtsanwaltskammer berichtete am 8. Juni 2026 über einen Beschluss des KG Berlin vom 20. November 2025.
In dem Verfahren hatte eine Rechtsanwältin in einem Schriftsatz Rechtsprechungszitate verwendet, die nach den Feststellungen des Gerichts nicht existierten. Das KG Berlin ging davon aus, dass die Schriftsätze offensichtlich mithilfe von KI verfasst und die eingefügten Zitate nicht überprüft worden waren.
Das Gericht wies ausdrücklich darauf hin, dass Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte mithilfe von KI verfasste Schriftsätze prüfen müssen. Das gilt insbesondere für Rechtsprechungszitate und Fundstellen.
Der Fall ist deshalb so relevant, weil er ein praktisches Risiko sichtbar macht: KI-Ergebnisse wirken oft plausibel. Sie sind sprachlich sauber formuliert, fachlich klingend und auf den ersten Blick überzeugend.
Der kritische Punkt
Wenn ein erfundenes Urteil mit Aktenzeichen, Datum und Fundstelle in einem Schriftsatz steht, sieht der Fehler nicht sofort wie ein Fehler aus.
KI-Halluzinationen sind kein reines Technikproblem
Viele Diskussionen über KI in Kanzleien drehen sich um Tools, Funktionen und Geschwindigkeit. Das ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz.
Der KG-Fall zeigt: Das eigentliche Problem entsteht nicht durch den Einsatz von KI allein. Es entsteht, wenn Kanzleien keine klaren Prüfprozesse haben.
Eine KI-Halluzination ist im Kanzleialltag besonders kritisch, wenn sie in Bereichen auftaucht, die eine hohe fachliche Verlässlichkeit verlangen.
- Fundstellen
- Rechtsprechungszitate
- Normverweise
- rechtliche Bewertungen
- Schriftsatzentwürfe
- Zusammenfassungen aus Akteninhalten
Wenn solche Inhalte ungeprüft übernommen werden, entsteht ein Risiko für die Qualität der anwaltlichen Arbeit. Zugleich leidet das Vertrauen in digitale Arbeitsweisen.
Die richtige Schlussfolgerung lautet nicht: KI vermeiden.
Die richtige Schlussfolgerung lautet: KI mit klarer Kontrolle einsetzen.
Warum KI in der Kanzlei klare Regeln braucht
Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte haben ihren Beruf gewissenhaft auszuüben. Für den Kanzleialltag bedeutet das: Auch digitale Hilfsmittel müssen in eine verantwortliche Arbeitsweise eingebunden werden.
KI ist dabei kein Ersatz für anwaltliche Prüfung. Sie ist ein Werkzeug.
Damit dieses Werkzeug sinnvoll eingesetzt wird, braucht die Kanzlei klare Regeln. Diese Regeln sollten nicht nur auf dem Papier stehen. Sie müssen in den tatsächlichen Arbeitsablauf passen.
Eine Kanzlei sollte deshalb festlegen:
- Welche KI-Anwendungen dürfen genutzt werden?
- Für welche Aufgaben dürfen sie genutzt werden?
- Welche Daten dürfen eingegeben werden?
- Welche Ergebnisse müssen geprüft werden?
- Wer ist für die Prüfung verantwortlich?
- Wie wird die Nutzung dokumentiert?
- Wie werden Ergebnisse in E-Akte, Schriftsatz, beA und Kanzleisoftware übernommen?
Diese Fragen sind nicht nur für große Sozietäten relevant. Auch kleinere und mittlere Kanzleien brauchen klare Leitlinien, wenn KI im Alltag genutzt wird.
KI-Kompetenz wird zum Organisationsthema
Seit dem Inkrafttreten der KI-Verordnung gewinnt auch das Thema KI-Kompetenz an Bedeutung. Art. 4 der KI-Verordnung stellt darauf ab, dass Anbieter und Betreiber von KI-Systemen Maßnahmen ergreifen, damit Personen, die mit KI-Systemen umgehen, über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügen.
Für Kanzleien bedeutet das praktisch: Es reicht nicht, ein KI-Tool freizuschalten und darauf zu vertrauen, dass alle Mitarbeitenden es richtig nutzen.
Es braucht Verständnis für Chancen, Grenzen und Risiken.
Das betrifft nicht nur Berufsträgerinnen und Berufsträger. Auch Mitarbeitende im Sekretariat, in der Sachbearbeitung, im Empfang oder in der Mandatsannahme können mit KI-Funktionen in Berührung kommen.
Entscheidend ist nicht nur die Technik.
Entscheidend ist, ob die Kanzlei weiß, an welcher Stelle KI im Prozess eingesetzt wird und welche Kontrolle danach erforderlich ist.
Wo Kanzleien jetzt ansetzen sollten
Ein sicherer KI-Einsatz beginnt mit einer Bestandsaufnahme.
Viele Kanzleien nutzen bereits digitale Werkzeuge. Gleichzeitig bestehen häufig noch Medienbrüche zwischen E-Mail, beA, E-Akte, Textverarbeitung, Fristenkontrolle, Aktennotizen und Mandatskommunikation.
Wenn KI in solche Strukturen integriert wird, verstärken sich bestehende Schwächen.
- Wenn Dokumente nicht sauber in der E-Akte abgelegt sind, wird auch eine KI-gestützte Auswertung schwieriger.
- Wenn Verantwortlichkeiten bei der Schriftsatzprüfung nicht eindeutig sind, wird auch die Prüfung von KI-Ergebnissen unscharf.
- Wenn beA-Prozesse nicht klar geregelt sind, entstehen zusätzliche Risiken bei Fristen, Versand und Dokumentation.
- Wenn Mitarbeitende unterschiedliche Tools ohne gemeinsame Leitlinie nutzen, verliert die Kanzlei den Überblick.
Genau deshalb sollte KI nicht isoliert betrachtet werden. KI gehört in die Gesamtstrategie der digitalen Kanzlei.
Fünf Prüfbereiche für den KI-Einsatz in der Kanzlei
1. Daten und Vertraulichkeit
Vor jedem KI-Einsatz sollte klar sein, welche Daten verarbeitet werden dürfen. Mandatsbezogene Informationen, personenbezogene Daten und vertrauliche Inhalte erfordern besondere Sorgfalt.
Die Kanzlei sollte festlegen, welche Systeme für welche Inhalte geeignet sind und welche Eingaben ausgeschlossen sind.
2. Fundstellen und Rechtsprechung
Gerade bei juristischer Recherche muss jede Fundstelle überprüft werden. Ein Zitat ist erst dann belastbar, wenn es in einer verlässlichen Quelle nachvollzogen wurde.
Das gilt für Urteile, Aktenzeichen, Normen, Zeitschriftenfundstellen und inhaltliche Aussagen.
3. Verantwortlichkeiten
KI-Ergebnisse brauchen eine klare Prüfinstanz. In der Praxis sollte feststehen, wer Entwürfe kontrolliert, wer Fundstellen prüft und wer die finale Verantwortung trägt.
Ohne Zuständigkeit entsteht Unsicherheit.
4. Dokumentation
Kanzleien sollten nachvollziehen können, wann KI eingesetzt wurde und wie Ergebnisse weiterverarbeitet wurden. Das muss nicht kompliziert sein. Wichtig ist ein praktikabler Standard.
Geeignet sind zum Beispiel interne Hinweise in der Akte, Prüfvermerke oder klar definierte Arbeitsschritte.
5. Integration in bestehende Kanzleiprozesse
KI entfaltet den größten Nutzen, wenn sie nicht neben der Kanzleisoftware läuft, sondern in bestehende Abläufe eingebettet wird.
Dazu gehören E-Akte, Dokumentenmanagement, beA, Fristen, Wiedervorlagen, Schriftsatzerstellung und Mandatsannahme.
KI in der Kanzlei ist eine Führungsaufgabe
Der KG-Fall macht deutlich: KI ist kein Thema, das Kanzleien allein an einzelne Mitarbeitende delegieren sollten.
Es geht um Kanzleiorganisation.
Die Kanzleileitung sollte entscheiden, welche Rolle KI künftig spielen soll. Danach braucht es klare Vorgaben, Schulung und einen realistischen Blick auf die bestehenden digitalen Prozesse.
Die wichtigste Frage lautet nicht: Welches KI-Tool nutzen wir?
Die wichtigere Frage lautet: Ist unsere Kanzlei organisatorisch bereit, KI sicher zu nutzen?
Fazit: KI braucht Kontrolle, nicht Misstrauen
Der aktuelle Fall vor dem KG Berlin ist kein Argument gegen KI in der Kanzlei.
Er ist ein Argument für professionellen KI-Einsatz.
Kanzleien, die KI nutzen wollen, brauchen klare Regeln, geschulte Mitarbeitende, verlässliche Prüfprozesse und eine digitale Struktur, in die KI sinnvoll eingebunden werden kann.
Dann wird KI nicht zum Risiko. Dann wird KI zu einem Werkzeug, das die Kanzlei entlastet, ohne die anwaltliche Verantwortung zu verschieben.
Kostenloser Kanzlei-Check: Prüfen Sie Ihre digitale Ausgangslage
RA-MICRO Köln unterstützt Kanzleien dabei, digitale Prozesse strukturiert zu betrachten und Verbesserungspotenziale sichtbar zu machen.
Wir prüfen gemeinsam mit Ihnen, wie Ihre Kanzlei heute arbeitet, wo digitale Abläufe bereits gut funktionieren und wo Risiken oder Medienbrüche entstehen.
Häufige Fragen zu KI in der Kanzlei
Dürfen Rechtsanwälte KI für Schriftsätze nutzen?
Ja, der Einsatz von KI ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Entscheidend ist, dass die Kanzlei die Ergebnisse prüft. Besonders Fundstellen, Rechtsprechungszitate und rechtliche Einschätzungen dürfen nicht ungeprüft übernommen werden.
Was sind KI-Halluzinationen?
KI-Halluzinationen sind Ergebnisse, die plausibel klingen, aber inhaltlich falsch oder erfunden sind. Im juristischen Bereich betrifft das zum Beispiel nicht existente Urteile, falsche Aktenzeichen oder unzutreffende Fundstellen.
Warum ist KI-Kompetenz für Kanzleien wichtig?
KI-Kompetenz hilft Kanzleien, Chancen und Risiken besser einzuordnen. Mitarbeitende sollten wissen, welche KI-Systeme genutzt werden, welche Grenzen diese Systeme haben und welche Prüfschritte erforderlich sind.
Wie kann eine Kanzlei KI sicher einsetzen?
Eine Kanzlei sollte klare Regeln für Tool-Nutzung, Dateneingabe, Prüfung, Dokumentation und Verantwortlichkeiten festlegen. Zusätzlich sollten KI-Prozesse in bestehende Abläufe wie E-Akte, beA und Kanzleisoftware eingebunden werden.
Was prüft RA-MICRO Köln im kostenlosen Kanzlei-Check?
RA-MICRO Köln betrachtet gemeinsam mit der Kanzlei die digitalen Abläufe, mögliche Medienbrüche und organisatorische Ansatzpunkte. Dazu zählen unter anderem E-Akte, beA, Fristen, Dokumentenprozesse, Mandatsaufnahme und die Vorbereitung auf KI-gestützte Arbeitsweisen.
Ist Ihre Kanzlei bereit für sicheren KI-Einsatz?
KI entfaltet ihren Nutzen erst, wenn digitale Prozesse, Zuständigkeiten und Prüfwege sauber aufgebaut sind. RA-MICRO Köln prüft im kostenlosen Kanzlei-Check, wo Ihre Kanzlei digital gut aufgestellt ist und wo Prozesse rund um E-Akte, beA, Kanzleisoftware und KI sicherer werden können.

